Sonntag, 15. Januar 2012

Rückblick Italien - Stolz und Unordnung

Der Besuch der Ewigen Stadt hat meine Vorbehalte bestärkt, was das Volk auf der Appeninenhalbinsel angeht: Landschaftlich und historisch, kulinarisch und klimatisch allemal mehr als eine Reise wert, komme ich mit vielen der Menschen und ihrer gesellschaftlichen Strukturen und Gepflogenheiten wenig zurecht. Mein erster Eindruck, als ich mit dem Bus den Flughafen verließ: Die Straßen, auch Schnellstraßen sind in solch einem desaströsen Zustand, dass die Busfahrt eine große Herausforderung für die Stoßdämpfer ist, falls diese überhaupt noch funktionieren. Apropos funktionieren - es funktioniert in Italien kaum etwas und wenn, dann meist nicht ordnungsgemäß. Als ortsfremder einen Bus zum Zielort zu finden kann sich bisweilen zu einer Odyssee entwickeln - ob der Bus dann auch termingerecht oder überhaupt kommt, steht damit allerdings noch nicht fest. Über die Medien habe ich vorher bereits einmal davon erfahren, dass die kleinen Kupfermünzen in Italien gern vermieden werden, dass man also lieber auf den nächsten runden Zehnerbetrag rundet. Diese Eigenart, so meine Feststellung, wurde während der anderthalb Wochen stets zu meinen Ungunsten praktiziert. So kostete mich z.B. eine Strapizza anstatt 9,68€ im Endeffekt gelegentlich 9,70€ - beim Einkauf im Supermarkt war dies oft ähnlich. Einmal, das hat mich beinahe in Rage gebracht, kostete ein kleiner Einkauf 2,82€. Ich gab 5,30€ in der Hoffnung, der Kassiererin das Wechselgeld so zu erleichtern, dass sie mir 2,50€ rausgeben und dabei zu meinen Gunsten abrunden könne. Aber falsch gehofft, sie schüttelte den Kopf, hab mir die 30 Cent wieder zurück und wechselte auf meine 5,-€ mit 2,17€, hatte mich also erneut um 1 Cent 'betrogen'. Einen fast noch unverschämteren Betrug erfuhren wir beim letzten Hostel, wo wir übers Internet ein 6er-Zimmer mit Bad gebucht hatten und eines ohne Bad, dafür mit allgemeiner Badmitbenutzung bekamen. Auf unsere erste Ansprache reagierte man nur mit dem Hinweis auf das allgemeine Bad, ein Bad auf dem Zimmer gebe es nicht. Erst als wir klar und deutlich und vor allem nachdrücklich belegen konnten, was wir gebucht hatten und dass wir diese Leistung auch gern in Anspruch nähmen, wurde zuerst versucht, uns im falschen Zimmer zu belassen und uns mit einem Gratisfrühstück zu beschwichtigen. Erst nach erneutem Bestehen auf unseren gebuchten Leistungen bekamen wir, was wir wollten und durften folglich in ein anderes Zimmer umziehen, das auch noch etwas größer als das vorherige war. Auf den ersten Blick mag solches den Italiener als frech und unfreundlich erscheinen lassen - tatsächlich wurden wir häufig ohne Entschuldigung in den Bussen gerempelt, weil sich Menschen rücksichtslos an anderen vorbeiquetschten. Außerdem erschienen einige Italiener auf der Straße, fast kann man sagen je schmutziger und reparaturbedürftiger diese war, umso modischer mit Blingbling und Sonnenbrille herausgeputzt, mit einer unnahbar stolzen, fast arrogant wirkenden Art umherspazierend. Wieder andere konnten wir dabei beobachten, wie sie ohne mit der Wimper zu zucken frische, genießbare Speisereste, bei anderthalbfachen oder noch höheren Preisen als bei uns in Deutschland, in den Müll oder Lebensmittelverpackungen hinter sich auf die Straße warfen - entsprechend sieht es auf den Straßen und noch mehr an ihren Rändern aus; man bräuchte dort viel mehr öffentliche Mülleimer. Aber auf der anderen Seite lernten wir auch die Großzügigkeit und herzliche Gastfreundschaft anderer Italiener kennen wie auch die professionelle, höflich-dezente wie charmante und in höchstem Maße korrekte Art z.B. eines Kellners kennen. Außerdem wussten wir sehr zu schätzen, dass vielerorts Trinkwasser einfach so aus öffentlichen Brunnen sprudelt und getrunken werden kann. Darüber hinaus erfreuten wir uns an einem immensen, vielfältigen und meist sehr gut zugänglichen Angebot archäologischer und künstlerischer Schätze - jemand sagte, allein in Italien seien etwa 60 Prozent dieser Schätze weltweit.
Als Fazit stelle ich fest, dass Italien ein schönes, charmantes Land mit einem eigenen, oftmals liebenswerten Völkchen ist, in dem in allen Bereichen vieles recht gut, aber mangels richtiger Organisation so gut wie nichts optimal läuft. Angesichts der Wirtschaftskrise hätte Italien meiner Einschätzung nach gute Chancen, stabil auf die Beine zu kommen, Chancen, die allerdings nicht oder nicht richtig genutzt werden. Ob dafür die Politik verantwortlich ist, kann ich nicht beurteilen, doch es scheint mir mehr ein allgemeines Problem dort zu sein...

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